Interview

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Interview mit Frau Profin. Irene Heise zum Thema „’Weitet euer Herz!’ (Katharina von Siena)“ zu den Themen Glaube und Kirche, ihrer persönlichen Einstellung und ihren Kritikpunkten.
(Juli 2010, gekürzt)

Frage:
Frau Professorin Heise, Sie setzen sich seit mehr als zwanzig Jahren unermüdlich für KatholikInnen nach Scheidung und Wiederverheiratung ein und gelten mittlerweile im deutschen Sprachraum und darüber hinaus als Expertin für diese Thematik. Sogar eine hohe staatliche Auszeichnung seitens des österreichischen Bundespräsidenten Dr.Heinz Fischer wurde Ihnen zuteil. Wie geht es Ihnen dabei?

Antwort Profin. Heise:
Diese Auszeichnung hat mich selbstverständlich sehr gefreut! Wichtiger noch aber war für mich, dass sie mir und meinen Büchern eben diese Bekanntheit verschafft hat; dass meine Ausführungen, meine Thesen an Universitäten, über Klöster und Bildungshäuser, bis hin zu Pfarren und Privathaushalten gelesen werden und, wie zu beobachten ist, in theologischer Diskussion und pastoraler Praxis zunehmend ihren Niederschlag finden. Und das fast ohne persönliche Auftritte in den Medien, die ich immer gemieden habe, um nicht in Kirche und Öffentlichkeit in eine spezielle Richtung hineininterpretiert zu werden. Dafür bin ich sehr dankbar!

Frage:
Das bedeutet wohl auch, dass Sie - abgesehen von den beiden Einrichtungen, die Sie selbst gegründet haben und leiten - keiner Organisation innerhalb der Kirche angehören? Hat diese quasi „einsame Freiheit“ innerhalb der Kirche nicht auch Nachteile für Sie persönlich?

Antwort Profin. Heise:
Zugegeben, das Fehlen des Rückhalts in einer Gemeinschaft Gleichgesinnter hat mir manchmal zugesetzt! Diese Art Heimatlosigkeit - die ich ja empathisch mit jenen teile, für die ich tätig bin! - ist der Preis, den ich für meine Berufung in der Kirche zahlen muss. Doch ich darf nicht undankbar sein: Neben der liebevollen Zuwendung meines Mannes seit mehr als zweieinhalb Jahrzehnten gibt es streckenweise doch immer wieder einzelne Wegbegleiter, auch Priester und Ordensleute, und - last not least! - die spürbare Führung Gottes im täglichen Gebet und durch den Empfang der Sakramente. In diesen Zusammenhang fällt auch meine einzige Mitgliedschaft beim Rosenkranz- Sühnekreuzzug der Franziskaner, einer Gebetsgemeinschaft ohne feste organisatorische Struktur, seit meinem 15.Lebensjahr.

Frage:
Wie stehen Sie zu den konservativen und progressiven Strömungen in der Kirche?

Antwort Profin. Heise:
Grundsätzlich habe ich mich immer als eine Brückenbauerin verstanden. Denn ich meine, es muss beide geben: jene, die sich mehr dazu berufen wissen, zu bewahren, über Jahrhunderte Gewachsenes und Bewährtes. Aber es braucht unbedingt auch die anderen, die Pioniere, die sensibler sind für die Zeichen der Zeit, die Herausforderungen der Gegenwart, die strukturelle Änderungen notwendig machen, die Bedürfnisse der Menschen heute, und offener gegenüber dem Wehen des Geistes. Entscheidend für alle ist die Treue zur Quelle: Jesus Christus, die stets neue, angstfreie, vertrauensvolle Orientierung an seinem Leben und Wirken. Da denke ich auch an Katharina von Siena, Kirchenlehrerin und Europa-Patronin, wenn sie ihren geistlichen Adressaten in ihren Briefen immer wieder zuruft: „Weitet euer Herz!“ Die Offenbarung enthält mehr Chancen und Nuancen, als Ängstliche glauben! Wann werden wir sie endlich entfalten können zum Wohle aller?

Frage:
Halten Sie denn ein gedeihliches Nebeneinander von Konservativen und Progressiven in der Kirche wirklich für möglich?

Antwort Profin. Heise:
Ganz gewiss! Für beide müsste Platz sein, weil beide wichtig sind! Weniger Ängstlichkeit und Aggressivität, dafür mehr gegenseitiger Respekt und Toleranz müssten ein gedeihliches Nebeneinander in ständigem Dialog ermöglichen. Hauptkriterium ist für mich das Maß der Liebe, das unseren Umgang prägen sollte, gemäß dem Hauptgebot, wie es uns Jesus gelehrt hat. Gehässige Verunglimpfungen, allzu rasche Verdachtsäußerungen in Richtung drohender Spaltung der Kirche durch Reformwillige sehe ich als Zeichen, dass an solchen Orten (die ganze Webseiten füllen!) der Geist Gottes kaum zu orten sein wird. Sie disqualifizieren sich selbst.

Frage:
Wie würden Sie Ihren Glauben charakterisieren? Haben Sie Erfahrungen mit Glaubenskrisen?

Antwort Profin. Heise:
Für mich ist Jesus Christus als eine mich liebende und von mir wiedergeliebte Person, die mich von klein auf begleitet hat, Mittelpunkt meines Glaubens und Lebens. Er ist untrennbar mit meinem Bewusstsein, meiner Persönlichkeit verbunden. Auf Grund dieser erfahrenen Glaubenswirklichkeit habe ich eigentlich nie eine Glaubenskrise erlebt. Kein Konflikt mit Menschen und Strukturen in der Kirche vermochte in diese existentielle Dimension meines Glaubens einzudringen oder sie auch nur in Frage zu stellen. Trotzdem war ich immer bemüht, den Spagat zu schaffen zwischen meinem praktizierten Glauben und dem Leben „in der Welt“; ganz „normal“ zu leben, ohne mich in Kleidung oder Gehabe wesentlich von meinen Mitmenschen zu unterscheiden, um damit zu zeigen: Der christliche Glaube ist nichts Weltfremdes, das einigen Außenseitern oder Gestrigen vorbehalten ist! Ich hoffe sehr, dass es mir einigermaßen gelingt, dieses Glaubenszeugnis inmitten der „Welt“.
Und es ist mir erst allmählich bewusst geworden, dass es keine Selbstverständlichkeit darstellt, mein klares Bewusstsein meiner Teilhabe am fortlebenden Christus in der Kirche! Allerdings ist mir auch präsent, dass meine persönliche Beziehung zu Jesus Christus eine große Verpflichtung darstellt: Ich muss sie in den Dienst der Kirche stellen, gemäß meiner ganz persönlichen Berufung (in Klammer: die ich mir nicht ausgesucht habe!). Und das trotz aller meiner Unzulänglichkeiten und Schwächen.

Frage:
Verraten Sie uns die eine oder andere Ihrer Schwächen?

Antwort Profin. Heise:
Da wären wohl mein Hang zur Ungeduld zu nennen auf Grund meines ziemlichen Unverständnisses für mangelnde Konsequenz und Unvernunft mancher Mitmenschen! Inkonsequenz halte ich für hauptverantwortlich etwa auch für die Entstehung von Gewaltspiralen in Ehen und Familien und letztendlich für ein Zerbrechen derer. Es gälte, hier konsequent den Anfängen zu wehren; jede Gewaltsituation hat einmal angefangen, hatte ein „erstes Mal“! Da hapert es noch sehr an der Prävention, vor allem in der Mädchenerziehung! Unvernunft wiederum orte ich etwa in blindem Mediengehorsam, in „Schönheits“operationen ohne medizinische Notwendigkeit (und damit blindem Gehorsam jenen Verführern gegenüber, die damit Unsummen kassieren). Als unvernünftig – um nebenbei unsere großstädtische Umwelt ins Visier zu nehmen – empfinde ich eine naive, schikanöse Verkehrspolitik, sarkastisch anmutende „verkehrsberuhigende“ Maßnahmen – Unsinnigkeiten, die die Stadt keinesfalls „lebenswerter“, sondern zunehmend stressiger und gefährlicher für alle machen. Und für etliche Christen, vor allem jene mit Behinderungen oder sonstigen Beschränkungen, auch Schwellen bedeuten, ihre Gotteshäuser zu erreichen! Ein Thema, das offenbar niemanden zu interessieren scheint!

Frage:
Und was würden Sie als eine Ihrer Unzulänglichkeiten bezeichnen?

Antwort Profin. Heise:
Eine, als Folge von Geborgenheitsdefiziten in der frühen Kindheit sensible, innere Struktur, die sich zuweilen in physischer Schwäche äußert und meinen Aktionsradius insgesamt einschränkt. Mit der gesundheitsbedingten Einschränkung musste ich freilich erst allmählich leben, sie als Fügung Gottes akzeptieren lernen! Seit vielen Jahren begegne ich dieser Unzulänglichkeit erfolgreich mit konsequentem Standard-Tanztraining, zusammen mit meinem Mann, samt Auftritten im öffentlichen und kirchlichen Rahmen.

Frage:
Kehren wir zurück zum Thema Glaube: Was halten Sie vom Verhältnis der Kirche zu nichtchristlichen Religionen und esoterischen Angeboten?

Antwort Profin. Heise:
Selbstverständlich ist nach dem II.Vatikanischen Konzil gegenseitiger Respekt und Toleranz der richtige Weg. In der konkreten Umsetzung jedoch orte ich einige Kritikpunkte, und zwar fehlen mir hier - ganz im Gegensatz zu anderen Fragen in der Kirche! - konkrete Hilfen für die Gläubigen, wenn sie etwa als Touristen in die Lage kommen, Kultstätten anderer Religionen zu besuchen! Aktive Teilnahme etwa am Gebets- und Opferritual vor einem buddhistischen oder hinduistischen Altar, wie heute oft „im Vorbeigehen“ aus Höflichkeit üblich, käme für mich persönlich nicht in Frage. Andere sehen darin kein Problem, sich vor einer Buddhastatue zu verneigen, und so - wie ich es empfinde - den christlichen Glauben preiszugeben. Kurzum, es fehlen meiner Wahrnehmung nach in unserer Zeit der Globalisierung konkrete Hilfen, wie weit wir bei anderen Glaubensgemeinschaften „mittun“ können und wo Götzendienst beginnt. Keine lächerliche Kleinigkeit, sondern eine sehr ernste Frage in Tagen der Glaubensverdunstung bei vielen Getauften!
Und zuletzt: Unterschätzen wir nicht die gut organisierte, auch sehr subtil „von unten“ wirkende Einflussnahme anderer Religionsgemeinschaften, „aufgehängt“ an Begriffen wie „Ein-Gott-Glaube“ und „Wahrheit“, für deren Verfälschung Taufscheinchristen ansprechbar sind! Kritische Hinterfragungen sind notwendig, ein Feststehen im Glauben und ständiges Bemühen um Glaubensvertiefung (Stichwort Neuevangelisierung!).

Frage:
Neben Ihrer Arbeit für Christen nach Scheidung und Wiederverheiratung und Ihrem „Geistlichen Forum Katharina von Siena“ treten Sie mit Ihrem Mann seit Jahren als „Standard Stars“ auf und gestalten, als einzigartiges Angebot, auch Standard-Tanzmeditationen. Was sind hier Ihre besonderen Anliegen?

Antwort Profin. Heise:
Erst einmal war es uns ein Anliegen, den Showtanz Standard überhaupt in den Dienst des Glaubens zu stellen: Biblische und frühchristliche Dimension des Tanzes, die Rolle des Tanzes bei den MystikerInnen, vor allem Mechthild von Magdeburg, bis hinauf in unsere Zeit.
Ein zweites Anliegen ist uns die Ästhetik - in einer Zeit, in der wir aus aller Welt so viel Hässliches erfahren müssen und die vielfach von Geschmacklosigkeit geprägt ist. All dies verstellt den Blick auf das wahre Schöne, das letztendlich in Gott und im spirituellen Reichtum unseres christlichen Glaubens zu finden ist. „Die Schönheit Gottes im Abgrund der Dreieinigkeit zu verkosten“, gilt es bei Katharina von Siena. Unlängst war der Begriff „Schönheit“ sogar Thema einer Tagung des Päpstlichen Kulturrates! So sagte zu diesem Anlass der Bischofsvikar am Militärordinariat Österreichs, Msgr. Dr.Werner Freistetter: „Schönheit als eine Grundkategorie christlichen Glaubens und Lebens... ist wirklich ein Weg von Evangelisierung und von Dialog unter den Menschen heute“. Daran mitzuwirken bedeutet eine große Freude.

Frage:
Jetzt einmal ganz abgesehen von der Kirche: Welche Menschen beeindrucken Sie besonders?

Antwort Profin. Heise:
Menschen, die sich - in Organisationen oder gar als AlleinkämpferInnen - auf den Weg machen, um in aller Welt Menschenrechtsverletzungen aufzuspüren, oft unter Einsatz von Gesundheit und persönlicher Sicherheit, um durch Aufdeckung und Publikation aufzurütteln und Änderungen zu ermöglichen. Ebenso beeindrucken mich Menschen, die sich mit aller Hingabe für die Bewahrung der Schöpfung einsetzen und alles daran setzen, Tierleid zu mildern, katastrophale Tierhaltungs- und Tiertransportbedingungen zu verbessern und ein Verbot von Tierversuchen zu erreichen. Dankbarkeit empfinde ich auch allen Prominenten gegenüber, die in der Lage und willens sind, größere Geldsummen, viel Zeit und manchmal auch ihre körperliche Unversehrtheit in Projekte für benachteiligte Mitmenschen in aller Welt und die Bewahrung der Schöpfung zu stecken. Alle diese Menschen beeindrucken mich freilich auch wegen ihrer Fähigkeit zu einem beträchtlichen Aktionsradius in ihrem Wirken!

Frage:
Auf welche biblische Grundlage würden Sie Ihre Arbeit stellen?

Antwort Profin. Heise:
Da fühle ich mich dem Gebet verpflichtet, das Jesus selbst seine Jünger gelehrt hat: das Vater Unser. Und hier ist es vor allem der Ruf: „Dein Reich komme!“ (Mt 6,10), der sich mir allmählich als Hauptanliegen herauskristallisiert hat: Am Reich Gottes nach Kräften mitarbeiten gemäß meiner persönlichen Berufung und gemäß meinen begrenzten Kräften und eingeschränkten Möglichkeiten als Frau; dass das Reich Gottes, das durch Christus in der Welt angebrochen ist, immer mehr Gestalt annehmen möge. Dies ist Hauptanliegen meines Lebens und Wirkens!

Frage:
Wenn Sie den Amtsträgern der Kirche ein ganz besonderes Anliegen zurufen könnten, welches wäre dies?

Antwort Profin. Heise:
„Die eigenen Kinder zuerst!“ Es geht nicht an, dass wir zuerst Nichtchristen unsere vermehrte Aufmerksamkeit zuwenden, ihre Gotteshäuser besuchen und mit ihnen in Gebetsgemeinschaft treten, die KatholikInnen jedoch, die in der Kirche „Probleme machen“, nach Scheidung und Wiederverheiratung, auf Distanz setzen und ihnen die Leben spendenden Sakramente verweigern! Ein schreiendes Unrecht, gewachsen aus einem defizitären Verständnis für das Heilswirken Gottes und einer Geringschätzung der göttlichen Vorsehung.

Frage:
Welchen Herzenswunsch, welchen Appell möchten Sie an den Schluss setzen?

Antwort Profin. Heise:
Es ist ein leidenschaftlicher Appell aus tiefster Überzeugung: Bleiben wir in der Kirche, geben wir das Gebet als Lebenselixier unseres Glaubens und den Sakramentenempfang niemals auf, auch unter widrigen Umständen und nach berechtigten Enttäuschungen! In der Kirche lebt Jesus Christus selbst fort, in jedem von uns! Und halten wir uns immer vor Augen: Die „Wahrheit“ ist Christus selbst (vgl. Joh 14,6)! Anderswo können wir nur Teilwahrheiten und philosophische Konstrukte finden, die auf Dauer nicht zum wahren Frieden führen. Bewahren wir uns den unvergleichlichen und einzigartigen Schatz unseres Glaubens - Jesus Christus, der Sohn Gottes, der uns für immer das Tor zu einer ewigen Glückseligkeit bei Gott geöffnet hat und dessen liebender Geist uns zeitlebens begleitet, damit wir das Ziel nicht verfehlen.
Es ist reale Wirklichkeit, das ewige Leben und die Gemeinschaft der Heiligen, die uns zur Seite stehen und in deren Mitte wir einmal unsere Vollendung finden werden! Verinnerlichen wir diese Glaubenswirklichkeit unermüdlich, fangen wir täglich neu an - einer der wunderbarsten Akzente unseres Glaubens: die ständige Möglichkeit, neu zu beginnen, indem Gott uns unsere Schuld immer wieder vergibt, ja auslöscht! „Siehe, ich mache alles neu!“ (Offb 21,5).
Begegnen wir einander in der Kirche mit Toleranz, Respekt und echter Dialogbereitschaft, Amtsträger und „Laien“, „Konservative“ und „Progressive“! Stellen wir uns mit Überzeugung gegen den Zeitgeist und subtile Verführungsstrategien, unterschätzen wir sie nicht; haben wir den Mut, neben aller gebotenen Toleranz dort Grenzen zu setzen, wo es nötig ist, für die Wahrheit, Jesus Christus, einzustehen. Nur im Geist Gottes vermögen wir „die Erde neu“ zu machen, wir es im Pfingstgebet der Kirche heißt (vgl. Ps 104,30). Dazu sollten wir Christen alle „eins sein“ (Joh 17,21).


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